Definition Effectuation – eine Methode zur Steuerung von Ungewissheiten.

By | 17. Februar 2014

Gastbeitrag von Raimund Wiesinger, SpinnRaum

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Was ist Effectuation?

Effectuation ist eine Methode um in Ungewissheit zu steuern. Unsicherheit herrscht aber meist, wenn man Neues auf die Beine stellen will, daher hat diese Methode im Innovationskontext eine wesentliche Rolle.

Effectuation ist eine Ergänzung zu herkömmlichen Planungsmethoden. Diese beruhen auf der Annahme, man könne aus der Vergangenheit auf die Zukunft schließen und funktionieren gut, wenn ausreichend Daten vorhanden sind. Fehlen diese Daten aber, hilft es auf Vorhandenes zu setzen und sich die Handlungsfähigkeit auch für den Fall des Scheiterns zu bewahren.

Vier Prinzipien

Effectuation verfolgt vier Prinzipien.

1.) Prinzip der Mittelorientierung

Im Fokus sind die verfügbaren Ressourcen statt eines unscharfen oder unklaren Ziels. Die Frage lautet „Was machen die verfügbaren Ressourcen möglich?“ statt „Was brauche ich um mein Ziel zu erreichen?“

Diese Ressourcen sind

  • Meine Identität: Werte, Kultur, …
  • Mein Know-how: Wissen, Erfahrung, Fähigkeiten und Fertigkeiten
  • Meine Beziehungen: Kontakte, Netzwerke

Am Beispiel des Kochens lässt sich das Prinzip schön illustrieren: Besorge ich die Zutaten für ein geplantes Gericht (Zielorientierung) oder bereite ich zu, was die Vorräte hergeben (Mittelorientierung)?

2.) Prinzip des leistbaren Verlustes

In Ungewissheit können Entscheidungen falsch sein, ein Versuch kann scheitern. Im Vorteil ist, wer danach etwas Neues versuchen kann.

Dieses Prinzip bedeutet, stets nur soviel zu investieren, dass man auch nach einem Scheitern noch handlungsfähig bleibt, statt in der Hoffnung auf einen erwarteten großen Gewinn alles zu riskieren. (Und es soll ja auch schon vorgekommen sein, dass Businesspläne „schön gerechnet“ wurden, um das nötige Kapital zu bekommen. Umso schlimmer, wenn es dann doch schief geht.)

Die Frage lautet: „Was ist mir dieser Schritt wert?“ „Wie viel kann ich riskieren?“

3.) Prinzip der Umstände und Zufälle

In zufälligen, unerwarteten Begebenheiten können Chancen liegen. Diese wahrzunehmen und gegebenenfalls zu nutzen, ist das dritte Prinzip. Effectuation steht damit im Gegensatz zu einer geradlinigen Planverfolgung, in der Hindernisse am Weg umgangen oder beseitigt werden und alles am Wegrand ignoriert wird.

Dieses Prinzip wird in anderem Zusammenhang auch „Serendipity“ (oder „ungeplante Invention“) genannt und hat berühmte Beispiele geliefert, wie Post-It, Viagra oder die Anti-Baby-Pille. Diese Produkte sind irrtümlich oder unbeabsichtigt entstanden, während andere Ziele verfolgt wurden.

4.) Prinzip der Vereinbarungen und Partnerschaften

Wer ein klares Ziel verfolgt und Unterstützung benötigt, bildet Partnerschaften anhand fachlicher Kriterien. Effectuation nutzt Partnerschaften von Menschen (oder Gruppen), die erst einmal grundsätzlich zu einer Zusammenarbeit und zu verbindlichen Vereinbarungen bereit sind – auf Basis von gegenseitigem Vertrauen und Respekt. Was in diesem Zusammenwirken möglich ist, beeinflusst Ziel und Handeln.

Die dem allen zugrunde liegende Haltung, dass es möglich und sinnvoll ist, ohne Vorhersage zu steuern, wird auch als fünftes Prinzip bezeichnet.

Dynamisches Modell

Unternehmensgründung wird oft als linearer Prozess gesehen (und gelehrt) – in Kürze: Marktanalyse – Zielsegment – Marketing Strategie – detaillierte Finanzplanung – Finanzierung, Ressourcen – Aufbau des Unternehmens.

Dem gegenüber steht das dynamische Modell der Effectuation (s. Bild). Es zeigt, wie vom Gründer und seinen Ressourcen ausgegangen wird und erst daraus die Handlungsoptionen abgeleitet werden. Dazu werden Feedback eingeholt und Vereinbarungen getroffen. Wenn sich daraus neue Erkenntnisse und Möglichkeiten ergeben, führt dies zu neuen Zielen und somit neuen Optionen oder gar zu neuen Ressourcen und der Prozess geht in die nächste Schleife. Der wesentlichste Effekt dieser Vorgangsweise ist die Beseitigung von Ungewissheit durch Gestaltung der Umwelt und die Anpassung des Verhaltens an diese Umwelt aufgrund der gewonnen Erkenntnisse.

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Dynamisches Modell der Effectuation (Bildquelle: Faschingbauer)

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Quelle & Herkunft

Seit 1997 forschte die Professorin Saras Sarasvathy an der Methode am Entrepreneurship Institute der University of Virginia. Die Forschungsergebnisse wurde mehrfach empirisch belegt.

Populär wurde die Methode im deutschsprachigen Raum durch die Buchpublikation „Effectuation – Wie erfolgreiche Unternehmer denken, entscheiden und handeln“ von Michael Faschingbauer im Jahr 2010, die jetzt in der 2. Auflage erschienen ist. Dass Effectuation viel Interesse geweckt hat, beweist die Liste seiner Publikationen in Fachzeitschriften.

Effectuation ist also bewährtes Handeln neu beschrieben (und benannt) und hilft in Ungewissheit zu steuern.

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