LeanCanvas – frustfrei von der Idee zum Produkt

By | 5. Februar 2013

Gastbeitrag von DI (FH) Franz Buchinger, Softwareentwickler, Student Innovations- und Technologiemanagement / FH Technikum Wien
————————————————————

Viele technische Innovatoren kennen das Problem: Man hat eine „geniale“ Produktidee und feilt die folgenden Monate in strenger Abgeschiedenheit am ersten Prototyp. Erwartungsfroh wird das mühsam entstandene Werk der Öffentlichkeit präsentiert-  die mit null Interesse reagiert. Der frustrierte Erfinder schickt seine Idee prompt in den Mistkübel.

Der amerikanische Startup-Mentor Ash Maurya zeigt mit seinem Vorgehensmodell “Lean Canvas” einen Ausweg aus dieser Innovationskrise. “Lean Canvas” ist ein iteratives Vorgehensmodell zur Überführung von Ideen in geschäftstaugliche Produkte und steht in der Tradition der Kanban-Schule. Das Verfahren legt viele etablierte Prinzipien der Software-Entwicklungsmethode Scrum auf den Bereich des Business Development um.

Warum Produktideen scheitern

Lean-Canvas-Erfinder Ash Maury ortet vor allem folgende Fehler in gescheiterten Produktideen:

  • Jede Idee beruht auf ungeprüften Problem-Hypothesen, die ihrem Erfinder völlig logisch erscheinen, aber erst einmal von der Zielgruppe des Produktes bestätigt werden müssen. („Die Leute haben Angst vor der Datenkrake Facebook, daher brauchen wir ein offenes soziales Netzwerk“). Unterbleibt dieser Schritt, werden oft Lösungen für nicht-existente Probleme entwickelt.
  • Die Produktidee deckt nur einen kleinen Teil des tatsächlichen Produktes ab – meist beschränkt sie sich auf den technischen Lösungsansatz, ignoriert aber die exakte Definition eines Geschäftsmodells. Ohne dieses kann das Produkt nicht langfristig überleben.
  • Der Erfinder glaubt, dass die Welt auf sein Produkt “wartet”. Dem ist aber nicht so – potentielle Zielgruppen werden täglich mit neuen Konkurrenzprodukten konfrontiert. Daher macht es Sinn, Interessenten zu Kunden zu „entwickeln“, indem man sie möglichst früh in die Produktentwicklung involviert, ständig “auf dem Laufenden” hält und aus ihnen die späteren Kunden rekrutiert.

Von der Idee zum Produkt nach dem Lean-Canvas-Prinzip

Eine Produktentwicklung nach dem Lean-Canvas-Prinzip läuft in drei Stadien ab:

  • Als erstes muss ein Problem/Solution-Fit erzielt werden, eine unabhängige Bestätigung des vom Innovator erkannten Problems und seiner Lösung. Der erste Schritt besteht also in der Identifizierung der potentiellen Produkt-Kunden, die in persönlichen Customer Interviews zum Problem befragt werden. Dabei steht das Lernen von den Kunden im Vordergrund: Sie sollten angeben, ob und in welcher Dringlichkeit sie das Problem verspüren bzw. ob sie dieses anderweitig gelöst haben. Zeichnet sich kein Problem/Solution-Fit ab, kommt es zu einem Pivot (Strukturiertes Umdenken der Produktidee aufgrund des Kundenfeedbacks.). Die ersten Customer Interviews sollten bereits in der frühen Ideenphase stattfinden – damit erspart man sich Entwicklungsaufwand, der in die falsche Richtung geht.

 

  • Nach dem Problem/Solution-Fit gilt es, mit der Produktidee einen Product/Market Fit zu landen. Dafür wird die Problemlösung in ein Produkt verpackt und mit einem Geschäftsmodell versehen (Einmalverkauf über Einzelhandel/Internet, Abo,..) Die in Schritt 1 identifizierten Kunden werden in einer zweiten Runde abermals befragt, ob und zu welchen Parametern (Preis/Leistung) sie das Produkt kaufen würden. Während dieser Phase läuft die iterative Produktentwicklung weiter – den Interessenten kann der Produktfortschritt an ständig verbesserten Prototypen demonstriert werden.

 

  • Ist die Version 1 des Produktes fertiggestellt, wird die Customer Creation-Phase eingeläutet, die aus den bisherigen Interessenten tatsächliche Kunden macht.

 

Ein Westentaschen-Businessplan als Kompass fürs Geschäftsmodell

Der namensgebende “Lean Canvas” begleitet den Innovator durch diesen Prozess – dabei handelt es sich um eine Art “Westentaschen-Businessplan”, der alle entscheidenen Parameter der Produktidee auf einer A4-Seite zusammenfasst.

Das kompakte Format des Lean Canvas kommt nicht von ungefähr – schließlich muss sich der Innovator ständig mit ihm auseinander setzen. In der Phase des Problem/Solution-Fit werden zunächst die Felder Problem, Solution und Customer Segments bearbeitet – nach jedem Customer Interview sollte man neue Erkenntnisse einarbeiten (z.B. Verfeinerung der Zielgruppendefinition, Priorisierung der Top3-Probleme). Danach folgen die von Maurya als “Risky Parts” bezeichneten Felder Channels, Unfair Advantage und Revenue Streams. Die dort eingetragenen “Glaubenshypothesen” (Leap-Of-Faith-Hypotheses) sollten schrittweise mit testbaren Hypothesen untermauert werden (z.B. “Unser persönliches Kontaktnetzwerk wird die meisten Neukunden generieren” → “Schaffen wir es, binnen 1 Monat 20 Interessenten für customer interviews zu finden?”). Durch Bestätigung und Scheitern solcher Hypothesen wird der Lean Canvas über die Zeit der Realität angepasst.

Bedeutung für das betriebliche Innovationsmanagement

LeanCanvas ist ein Vorgehensmodell, das die rasche Ideenevaluierung -und -Anpassung mit überschaubaren personellen Mitteln erlaubt. Damit ist es nicht nur für klassische Startups, sondern auch für das betriebliche Innovationsmanagement interessant. Oft “geistern” viele Innovationsanstöße und -ideen durch die Abteilungen, die vom Innovationsmanager schnell auf ihren Nutzwert für das Unternehmen geprüft werden müssen. LeanCanvas ermöglicht zudem die Einbindung des Ideengebers in den Evaluierungsprozess (z.B. Durchführung einiger Customer Interviews, Nennung von Key Indicators). Das entlastet den Innovationsmanager und erhöht die Entscheidungsakzeptanz des Ideengebers (Wird meine Idee weiterverfolgt?). Die Entscheidungsträger (z.B. Geschäftsführung) profitieren wiederum von den bereits erhobenen und verifizierten Datenmaterial aus dem LeanCanvas.

Links:
http://leancanvas.com/

5.00 avg. rating (94% score) - 1 vote

5 thoughts on “LeanCanvas – frustfrei von der Idee zum Produkt

  1. Jürgen Stäudtner

    Ich bin mir nicht sicher, aber ich denke, hier wird etwas vermischt. Das gezeigte Bild ist eine Übersetzung der Business Model Generation von Alex Osterwalder & Yves Pigneur. Lean Canvas ist ein Nachbau, der m.E. nichts mit Ash Maury zu tun hat.

    Ich bitte um Präzisierung.

  2. Franz Buchinger

    Hallo Herr Stäudter,

    Sie liegen richtig, der abgebildete LeanCanvas (nicht die ganze Methode als solche) wurde von Alex Osterwalders „Business Model Canvas“ adaptiert. Ash Maurya beschreibt in diesem Blog-Post (http://leancanvas.com/why-leancanvas-vs-business-model-canvas) die Gründe für seinen Fork. Die Essenz seiner Aussagen: der „Business Model Canvas“ eignet sich eher für die Analyse bereits erfolgreicher Geschäftsmodelle, der Lean-Canvas für die iterative Entwicklung neuer Geschäftsideen.

  3. Pingback: Eine Masterarbeit zu LeanCanvas in Österreich? | Agile Produktentwicklung mit Lean Canvas

  4. Pingback: Das war das Inknowaktion-Jahr 2013 » INKNOWAKTION

  5. Pingback: “APmLC” – Masterarbeit erfolgreich eingereicht | Agile Produktentwicklung mit Lean Canvas

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.