Kreativität am Niceboard – Können moderne Technologien traditionelle Methoden ablösen?

By | 2. Dezember 2013

Flipcharts, Kärtchen, Post Its, Pinnwände, Stecknadeln, Klebebänder … wir allen kennen es und sind mit dieser Methodik zur Ideensammlung sehr vertraut.

Die Fakultät für Technik und Umweltwissenschaften der FH OÖ (Wels) und deren ProfessorInnen sich schon lange intensiv mit den frühen Phasen des Innovationsprozesses auseinandersetzen* und die die Fakultät für Informatik, Kommunikation und Medien (Hagenberg) mit ihrer technologischen Lösungskompetenz, lassen nun moderne Technologien in die kreativen Prozesse des Front End of Innovation einziehen. Im Rahmen des Sprint Projektes – Systematic Product Innovation Transfercenter – wurden die Anforderungen an den Kreativprozess analysiert und gemeinsam spezifische Applikationen für das “Niceboard” entwickelt und implementiert. Das Niceboard ist eine interaktive und multimediale Wand – ein Multi Touch Whiteboard – als Umgebung zur Entfaltung der Kreativität und Sammlung von Ideen.

* Hier schnell ein kleiner Werbeblock: Buchempfehlung „Management of the Fuzzy Front End of Innovation“ von Fiona Schweitzer, FH Wels & Oliver Gassmann, Uni St. Gallen – kann ich für alle Front End Freaks empfehlen!

sprint

Viele werden denken, das mag etwas simples sein. Elektronische Wände gibt es viele und warum soll es besser als Papier sein.

Aber das Niceboard ist nicht nur nette Technik. Dahinter steckt viel wissenschaftliches und auch praktischs Know-How, insbesondere hinsichtlich der Anforderungen an den Kreativprozess. Und daraus entstand das einzigartige, multimediale Produkt, ein 5,2-Meter langes Unikat und das Herzstück der hochmodernen Infrastruktur der „Creativity Support Tools“ im Sprint Lab, neben 3D Simulation, 3D Drucker …

  • Bis zu 7 Personen können gleichzeitig Ideen am Niceboard schreiben und zeichnen.
  • Dazu kann jeder individuell seine Stiftfarbe, Dicke etc. einstellen.
  • Man kann seine Beiträge auch mit virtuellen Post Its strukturieren.
  • Man kann zusätzlich Bilder, Grafiken und Videos integrieren.
  • Wer will, kann seine Idee auf einem speziellen Papier („digital paper) zeichnen und sie dann an die Wand “werfen” und dort kollaborativ weiterverarbeiten
  • Das Ergebnis wird als PDF gespeichert und kann einfach verteilt werden.

Die Vorteile

Die Ideenquantität und Qualität wurde auf Basis von Studien wissenschaftlich evaluiert. Dabei wurde mit Versuchsgruppen dieselbe Aufgabenstellung traditionell („paper & pencil“) und „digital“ durchgeführt. Es hat sich gezeigt, dass im Vergleich zu traditionellen Methoden am Niceboard die Aufmerksamkeit der Teilnehmer und deren „Flow“ – wie Ideen fließen – höher sind und sie sich somit intensiver in den Kreativprozess einbringen. Das heißt, TeilnehmerInnen sind in der klassischen Variante schneller gelangweilt und werden schneller inaktiv.
Auch ist bei vielen Ideenworkshops mit digitalen Support die Qualität der Ideen höher, insbesondere im Bereich Reife- und Detailierungsgrad der Ideen.

Ein weiterer Nutzen ist die Zeitersparnis durch das einfache Arbeiten: Alles ist für alle sichtbar. Arbeitet man mit den elektronischen
PostIts, können sie einfach vergrößert, ergänzt, sortiert, verschoben, zusammengeführt etc. werden. Man verschwendet keine Zeit mit Flipcharts aufhängen oder zusammenkleben, Protokolle können mit einem Mausklick erstellt und verteilt werden.

In der Praxis hat sich die Methode aufgrund der Vorteile bewährt, allerdings ist die neue Technologie nicht für Jedermann sympathisch und tauglich. Manche Menschen bevorzugen einfach Papier und Stift oder wollen sich mit Technologie in diesem Prozess nicht anfreunden. Daher gilt auch beim sprint>team „Method follows Problem“ – die Methode muss immer der Problemstellung und der Runde angepasst werden und nicht umgekehrt.

Und was glauben Sie, können moderne Technologien die gewohnten Kreativmethoden ablösen?

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3 thoughts on “Kreativität am Niceboard – Können moderne Technologien traditionelle Methoden ablösen?

  1. Markus

    Hallo,
    ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass das System einige Vorzüge zu bieten hat. Im Zuge eines Projektes durften wir diese High-Tech Infrastruktur nutzen. Neben den oben erwähnten Vorteilen ist auch die Ergebnisdokumentation besonders hervorzuheben.

    Moderne Technologien werden traditionelle Methoden vielleicht nicht gleich vollständig ablösen, stellen jedoch eine gute Ergänzung dar. Aber ganz egal ob traditionell mit Papier und Stift oder am modernen Niceboard, die beste Technik und die beste Methode wird nichts helfen, wenn die falsche Frage gestellt wurde 😉

  2. Franz Buchinger

    Schade, dass wir in der Kreativitätstechnik noch immer mit Instrumenten aus den 80er Jahren herumwerken (Flipchart, Pinnwand, Seminarkoffer), während in der Präsentationstechnik schon längst das neue Jahrtausend Einzug gehalten hat (Tageslicht-Beamer, kabellose Präsentationsmäuse, Tablet als Präsentationsgerät). Während es heute unvorstellbar ist, einen Overhead-Projektor einzusetzen, finden wir überhaupt nichts dabei, auf 20 Jahre alten Flipcharts herumzukritzeln.

    Würde dem Projektteam sehr wünschen, dass sich diese Erfindung durchsetzt. Meine eigenen Erfahrungen machen mich ein wenig skeptisch: das Whiteboard mit Ausdruckfunktion in meiner alten Firma wurde irgendwann im Sperrmüll entsorgt, den 2005 groß vorgestellten Touchscreen-Meetingtisch habe ich auch noch nicht in freier Wildbahn gesichtet.

    Als ehemaliger technischer Betreuer von Meetingräumen nenne ich mal zwei Gründe dafür:
    – Die Mehrzahl der Meetings finden im „read-only“-Modus statt, Ideen und Informationen werden präsentiert und nicht gemeinsam erarbeitet. Ergo investieren Firmen lieber in Präsentationstechnik als in Kollaborationstools.

    – Echte Kreativitätsmeetings werden gerne außer Haus durchgeführt, meist aus Platzgründen und der Atmosphäre wegen. Für den Organisator bedeuten sie jede Menge Stress (Kann ich die nötigen Personen dem Tagesgeschäft abtrutzen? Funktioniert die Technik vor Ort?, Schaffen wir die Agenda?). Zur Risikominimierung wird er/sie daher eher konservative Tools wie Flipcharts einsetzen, anstatt sich auf neue, aber auch experimentelle Technologien einzulassen.

    Sehe aber trotzdem gute Chancen für die Meeting-Wand, man müsste sie nur richtig in das Kreativitätsmeeting integrieren (z.B. Einführungsübung durch technischen Support, bei dem die Teilnehmer die Wand kennenlernen können).

  3. Maria Tagwerker-Sturm Post author

    Lieber Franz,

    sehr interessanter Beitrag. Ich frage mich gerade noch intensiver, warum es so ist? Wo doch in vielen Bereichen die Technologie gar nicht neu genug sein kann.

    Ich persönlich schmiere aber auch lieber mit Stiften, Kreiden, bunten Farben … auf Papier herum. Aber warum?
    – Weil es physischer ist, ich hab dann ein Stück Papier in der Hand.
    – Das Gefühl einfach.
    – Weil wir schon als Kind so gewerkt und uns ausgetobt haben.
    – …?

    Es sind wahrscheinlich dieselben Motive, warum viele lieber ein Buch aus Papier als ein EBook in der Hand halten.

    Ich freu mich auf weitere Gedanken von Euch!

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