Fcuking Innovation – Wie viel Innovation brauchen wir wirklich?

By | 22. Februar 2017

Innovation wird als die Strategie geheiligt, um wettbewerbsfähig zu bleiben und um Wachstum anzukurbeln. Innovation ist das Top Thema auf der Management-Agenda und wird von „Mehr ist Besser“ dominiert.

Doch wieviel Innovation brauchen wir wirklich. Immer mehr Artikel fallen mir in die Hände, die darstellen, dass Innovation auch einen negativen sozialen und wirtschaftlichen Effekt haben kann. Zuletzt eine großartige Publikation von Karl-Heinz Leitner, die in der Foresight-Studie „Future of Innovation“ „No“ und „Slow“ Innovationsstrategien analysiert.[1]

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Doch was sind die aktuellen Probleme und Trends?

1. Es gibt viele Innovationen, die kaum einen Nutzen bringen.

Das renommierte US-Wirtschaftsmagazin „Inc“ hatte 2016 recherchiert, welche Start-ups aus dem Silicon Valley durchstarten werden. Platz Eins ging an eine Onlineplattform, auf der man auf den Ausgang von Onlinespielen wetten kann und der zweite Platz ging an eine Saftpresse, die aus dem Internet neue Rezepte lernen kann. Quelle: derstandard

Das sind nicht wirklich große Erfindungen, die die Welt verändern können und die der Gesellschaft einen Nutzen bringen können.

2. Viele Innovationen killen Arbeitsplätze statt sie zu schaffen.

Mario Herger hat in seinem Blog über die drei Arten der Innovation nach Clayton Christensen geschrieben. Die Empowering Innovation wirkt aufbauend und schafft neue Arbeitsplätze. So wie es beispielsweise der Ford Model T vor hundert Jahren getan hat. Die Sustaining Innovation hat eine aufrechterhaltende Funktion und schafft wenig Arbeitsplätze. Aber die Efficiency Innovation, die Prozesse schlanker macht und optimiert, hingegen vernichtet Jobs. Früher gab es ein Gleichgewicht zwischen den drei Arten, doch heute dominiert vor allem die Effizienzinnovation, wahrscheinlich eine Folge der Wirtschaftskrise.

3. Viele Innovationen verbrennen wertvolle Ressourcen.

Dies ist ein Thema, dass vor allem der Artikel von Karl-Heinz Leitner bearbeitet.

  • Viele neue Technologie und Produkte zerstören den Wert bestehender Technologien.
  • Die Investments in Innovation steigen, aber der Output pro F&E-Mitarbeiter sinkt.
  • Innovationen beschleunigen und verkürzen damit Produktlebenszyklen, was wiederum den Innovationsdruck steigert, zu mehr Innovationstätigkeiten und somit zu mehr Flops führen.

4. Slow Movement für mehr Qualität und Nachhaltigkeit.

Der Slow Movement Trend kommt stark aus der Food-Branche, wo das Bewusstsein für Qualität, Nachhaltigkeit, Umwelt und soziale Faktoren geschärft wird und damit höhere Preise in Kauf genommen werden.

Dieser Trend zieht sich langsam bei vielen Branchen durch. Es ist ein sozialer Trend gegen die steigende Geschwindigkeit, Verschwendung, etc. und für mehr (Lebens-)Qualität.

Dazu steigt die Nachfrage nach traditionellen Produkte, sogenannten Vintage Produkten. Einerseits sehnt man sich nach der Verlässlichkeit auf die Qualität der bewährten Produkte, aber auch aufgrund des Retrofaktores finden „alte“ Produkte immer mehr Anerkennung. Zum Beispiel steigen derzeit die Verkaufszahlen des schon tot geglaubten Plattenspielers und der Platten rasant an.

Geplante Obsoleszenz, die gewollte und programmierte Verkürzung der Lebensdauer eines Produktes (z.B. Drucker), damit Kunden neue Produkte kaufen, ist ein weiteres Thema, das hier dazu passt. Nahm man es früher hin, dass ein Glühbirne nur drei Jahre hält oder die Strumpfhose nach dem zweiten Tragen reißt, wehren sich heute Konsumenten gegen diese Verschwendung.

5. Kunden brauchen keine Innovationen, die nur neu sind.

Jetzt werden sich viele wundern, dass das aus meiner Feder stammt.

Doch wollen Kunden wirklich Innovationen und Neues? Nein, Kunden brauchen Produkte und Lösungen, die ihre Probleme lösen und die ihnen einen Nutzen bringen. Die meisten wollen keine Innovationen, nur weil sie neu sind. Außerdem stellen wir doch immer wieder fest, dass Menschen ohnehin keine Veränderungen wollen. Kunden sind dann zufrieden, wenn ihnen ein Produkt einen echten Nutzen bringt.

Hier habe ich ein Beispiel erlebt. Man hat für ein Produkt eine neue Generation entwickelt, weil man die Alte einfach ablösen wollte und sich mit einer neuen Technologie höhere Margen erhofft hat. Bei der Markteinführung verlangten die Kunden das alte Produkt wieder zurück, da sie mit der Funktion sehr zufrieden waren. Man hat nicht reagiert und heute gibt es leider beide Produkte nicht mehr am Markt.

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Welche alternativen Ansätze gäbe es zusätzlich für Innovationen?

Bestehende Potentiale Ausnutzen und Ausreizen

Es muss nicht immer alles neu sein. Man kann Bestehendes ausreizen und das Produkt, das Geschäftsmodell und den Verkauf dahinter perfektionieren. Ich habe schon oft erlebt, dass mit der Produkteinführung das Innovationsprojekt abgeschlossen wurde und gleich die nächsten Entwicklungsprojekte gestartet wurden. Dabei liegt gerade in der Start-up Phase durch offensive Vermarktung das Potential, mit der Innovation Geld zu verdienen anstatt sie dahin stolpern zu lassen.

Imitationen

Imitation war immer negativ besetzt und wurde normal nur von den Emerging Countries betrieben. Doch in Zukunft wird es auch umgekehrt sein. Dabei ist aber Imitation nicht einfach nur kopieren, sondern es ist ein kreativer Prozess, wie man von anderen Produkten lernen kann und sie adaptieren kann.

No Innovation

Viele Unternehmen verzichten auf Innovation, einerseits weil ihr Produkt perfekt und so beliebt ist (z.B. Cola) oder weil sie auf Tradition und Qualität setzen. Solche Unternehmen nutzen den Fakt, dass sie ihr Produkt über Jahre nicht verändert haben, als Marketing.

Pseudo Innovation

Viele Unternehmen adaptieren ihr Produkte leicht, zum Beispiel im Design und verkaufen es als Innovation. Das schlägt in dieselbe Kerbe, dass man bestehende Potentiale voll ausnutzen und ausreizen soll.

Degrowth und Null-Wachstum

Das ist eine interessante, fast philosophische Frage: Müssen Unternehmen überhaupt wachsen? Wäre es nicht einfacher und besser, die Stabilität zu halten, die Produkte zu perfektionieren und die Arbeit einfach gut zu machen.

Fazit: Ja, wir brauchen Innovation, aber wahre Innovation.

Auf die Frage, ob wir Innovationen brauchen, gibt es ein klares Ja. Dieser Artikel  ist mit Sicherheit kein Appell gegen Innovation. Aber wir brauchen wahre Innovationen – qualitative, langlebige und nachhaltige Produkte,

  • die wirkliche Kundenprobleme lösen,
  • die eine wesentliche Verbesserung zur aktuellen Lösung bringen,
  • die der Gesellschaft einen Nutzen und Fortschritt bringen.

Mit diesem Artikel soll das Bewusstsein für Innovation geschärft werden und die Aufmerksamkeit auf die wahren Innovationen und deren Zweck gelenkt werden. Wir brauchen keine Innovation nur weil sie neu oder hipster sind. Und wir benötigen auch keine tausend kleine Innovationen, die wenig bringen, sondern die paar Großen.


Quelle:

[1] K.-H. Leitner: „“No“ and „slow“ innovation strategies as response to increased innovation speed“; angenommen für: „Reflexive innovation: Alternative approaches on the proinnovation bias“, B. Godin, D. Vinck (Hrg.); Edward Elgar, Cheltenham, 2016, S. 1 – 14.

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One thought on “Fcuking Innovation – Wie viel Innovation brauchen wir wirklich?

  1. Markus

    Liebe Maria – sehr schöner Artikel!

    Leider wird das Wort „Innovation“ sehr inflationär verwendet. Sobald irgendwo ein (oft nur sehr kurzfristiger)wirtschaftlicher Nutzen entsteht, wird schon von Innovation gesprochen.
    Ich erkenne Innovation unter anderem daran, dass sich das Verhalten der Menschen ändert und ein echter Mehrwert entsteht – dieser muss nicht zwingend immer nur ökonomischer Natur sein.
    Ich glaube auch, dass wir Innovation ganz dringend brauchen – wir sollten aber nicht vergessen, dass Innovationen von Menschen für Menschen sein sollten. Mit dieser Haltung würde es sicher besser gelingen echte Kundenprobleme zu lösen und dem Individuum und der Gesellschaft Mehrwert und Fortschritt zu bringen.

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